Wie geht das eigentlich?
Wie schneidet man Gemüse, ohne zu sehen? Wie hilft ein Blindenführhund? Hier finden Sie einfache Antworten zum Alltag mit Sehbehinderung und zu einem unterstützenden und respektvollen Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen.
Alltag erleben
Wie schneiden blinde Menschen Gemüse? Das Video gibt einen konkreten Einblick in diese Alltagssituation. In den weiteren Fragen und Antworten erfahren Sie unter anderem, wie blinde Menschen träumen, wie sie sich Farben vorstellen und ob andere Sinne stärker ausgeprägt sind.
Als sehbehindert gilt eine Person, wenn ihre Sehschärfe weniger als 30 % beträgt oder ihr Gesichtsfeld stark eingeschränkt ist (unter 10 Grad). Für das Lesen einer Zeitung braucht man etwa 40–50 % Sehschärfe. Autofahren darf man ab 50 % auf dem besseren und 20 % auf dem schlechteren Auge.
Als blind wird gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO jemand eingestuft, der weniger als 5 % Sehschärfe hat.
In der Schweiz leben ungefähr 400’000 Menschen mit Sehbehinderung. Das sind über 4% der Schweizer Bevölkerung. Etwa 80’000 davon sind blind.
Es ist problematisch, die beiden Sinnesbehinderungen gegeneinander auszuspielen. Bei beiden kommt es stark darauf an, wie die Person lebt, was sie arbeitet – z.B. ist bei Musiker:innen das Gehör elementar – und was für ein Umfeld sie hat.
Oft ist es so, dass die Sehbehinderung vor allem praktische Dinge im Alltag schwieriger macht (z.B. Orientierung, Mobilität, Zugang zu Informationen), während eine Hörbehinderung besonders den Austausch mit anderen Menschen, also das Sozialleben, erschwert.
Blinde Menschen träumen grundsätzlich ähnlich wie sehende. Träume sind erlebte Situationen mit realistischen oder fantasievollen Inhalten und passenden Gefühlen. Dabei sind die Eindrücke im Traum ähnlich, wie man sie aus dem echten Leben kennt. Anders ist es bei Menschen, die erst später erblindet sind: Sie können in ihren Träumen oft noch sehen.
Die Sinne sind nicht von Natur aus besser; aber sie sind besser geübt: Blinde und stark sehbehinderte Menschen nutzen ihre anderen Sinne, um sich zu orientieren und Informationen zu bekommen. Sie lernen, diese gezielt einzusetzen, sodass insbesondere ihr Hör- und Tastsinn sehr fein werden kann. Auch Geschmacks- und Geruchssinn können hilfreiche Informationen vermitteln und werden geschärft.
Geburtsblinde Menschen stellen sich Farben meist nicht visuell vor. Wenn ein geringer Sehrest vorhanden ist, können Farben allerdings manchmal erkannt werden; besonders bei Hintergründen mit hohem Kontrast.
Oft verbinden blinde Menschen Farben mit Dingen oder Gefühlen. Auch geburtsblinde Menschen wissen, dass der Himmel blau, das Gras grün und Schnee weiss ist. Manche verbinden zum Beispiel Rot mit «warm», Braun mit feuchter Erde oder Weiss mit «flauschig weich».
Umgang und Begegnung
Wie führt man eine blinde Person richtig? Das Video zeigt Schritt für Schritt, wie das funktioniert. Ergänzend beantworten wir weitere häufige Fragen; zum Beispiel, wann man blinden Menschen Hilfe anbieten sollte, wie man im Alltag unterstützung bieten kann und was im Umgang wichtig ist.
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Hilfe nötig sein könnte, dann sprechen Sie die Person direkt an. Oft ist Unterstützung willkommen, da es viele schwierige Situationen im Alltag gibt. Wichtig: Akzeptieren Sie, dass die Person auch nein sagen kann. Und leisten Sie nur Hilfe, wenn das ausdrücklich erwünscht ist. Auf keinen Fall blinde oder sehbehinderte Personen einfach am Arm packen und beispielsweise ungefragt über die Strasse ziehen.
Generell gilt: fragen Sie bei Unsicherheit immer nach, wie genau Sie helfen können. Offene Kommunikation ist das wichtigste, und nicht jede Person mit Sehbehinderung hat dieselben Bedürfnisse.
Im Zweifel ist immer sinnvoll, nachzufragen, welche Unterstützung gewünscht ist. Ein offener Austausch ist wichtig, da die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung unterschiedlich sind.
Einige Orientierungshilfen, was oft hilfreich sein kann:
- Richtungsangaben / Hindernisse: «Da vorne ist eine Treppe» hilft einer Person mit Sehbehinderung wenig. Hinweise wie «dort» und «da» sind zu wenig konkret. Machen Sie präzise Angaben wie «In drei Metern ragt eine Baustelle aufs Trottoir». Und fragen Sie, ob die Person begleitet werden möchte.
- Restaurant: Lesen Sie bei Bedarf die Speisekarte vor. Erklären Sie, wo sich die Speisen auf dem Teller befinden, zum Beispiel mit der Orientierung nach einem Zifferblatt: Fleisch auf 10 Uhr, Salat auf 5 Uhr.
- Einkauf: Überlassen Sie der Person mit Sehbehinderung den Lead. Informieren Sie sie über Aktionen, achten Sie darauf, dass das Verkaufspersonal sich direkt an die Person wendet und nicht nur an Sie als Begleitung. Auch Rückgeld sollte direkt in die Hand der Person mit Sehbehinderung gegeben werden.
- Toilette: Es reicht aus, die Räumlichkeiten zu zeigen, die Sauberkeit zu prüfen, zu beschreiben, was sich wo befindet, und dann den Raum wieder zu verlassen.
Im Strassenverkehr hat der weisse Stock eine besondere Bedeutung: Wenn unbegleitete blinde oder sehbehinderte Menschen ihn heben, signalisiert dies, dass sie die Strasse überqueren möchten. In diesem Moment gilt für sie Vortritt, auch wenn kein Fussgängerstreifen vorhanden ist – alle anderen Verkehrsteilnehmenden müssen anhalten.
Das ist gesetzlich im Strassenverkehrsgesetz geregelt. Wer sich nicht daran hält, riskiert eine Busse
Es ist keinesfalls nötig, das Wort «sehen» krampfhaft zu ersetzen. Das erschwert die Kommunikation nur unnötig. «Sehen» wird im Alltag nicht nur für das Wahrnehmen mit den Augen benutzt, sondern auch für «erkennen», «verstehen» und «begegnen» gemeint. Darum sagen blinde Menschen auch: «Ich habe Anna gesehen» oder «Auf Wiedersehen!».
Anders sieht es aus mit dem Hinweis «dort». Damit kann ein blinder Mensch in der Regel nichts anfangen.
Natürlich entscheidet jede blinde und sehbehinderte Person selbst, welche Begriffe sie für sich passend findet.
Es haben sich aber Formulierungen durchgesetzt, die von vielen als respektvoll empfunden werden. Wichtig ist, dass die Person im Vordergrund steht, nicht ihre Behinderung.
Geeignete Formulierungen sind zum Beispiel:
- Menschen mit Sehbehinderung
- Blinde und sehbehinderte Menschen
- Ggf. Menschen mit Beeinträchtigung (rechtlich aber nicht so exakt)
Ungünstig sind Bezeichnungen, die allein die Behinderung hervorheben, etwa «Blinde und Sehbehinderte» als Substantiv. Auch ausweichende Begriffe wie «besondere Bedürfnisse» sind ungeeignet. Sie lassen den Eindruck entstehen, die Behinderung müsse «schöngeredet» werden.
Orientierung unterwegs
Woher weiss ein Blindenführhund, dass die Ampel grün ist? Diese Frage beantwortet das Video. In den weiteren Antworten erfahren Sie, wie sich blinde und sehbehinderte Menschen orientieren und welche Rolle der weisse Stock und der Führhund im Alltag spielen.
Der Blindenführhund darf bei der Arbeit (wenn er sein Arbeitsgeschirr trägt) nicht abgelenkt werden. Vermeiden Sie deshalb alles, was seine Konzentration stören könnte. Bevor sie mit dem Hund Kontakt aufnehmen, fragen Sie die blinde Person um Erlaubnis.
Ein ausgebildeter Führhund kennt etwa 30 Kommandos. Um Verwechslungen zu vermeiden und wegen dem klaren Worklang stammen die Kommandos aus der italienischen Sprache.
Der Blindenführhund zeigt der sehbehinderten Person Orte und Dinge an, zum Beispiel Türen, Treppen, Fussgängerstreifen oder Billettschalter. Er erkennt auch Hindernisse, umgeht sie oder zeigt sie an, wenn das nicht möglich ist.
In der Schweiz züchten und bilden vier Blindenführhundeschulen einsatzbereite Blindenführhunde aus:
Der weisse Stock wird von blinden oder stark sehbehinderten Personen benutzt. Der Begriff „Blindenstock“ ist insofern irreführend, als der Stock auch bei Sehbehinderung verwendet wird, nicht nur bei Blindheit.
Der weisse Stock hilft bei der Orientierung, dient als Schutz und macht die Behinderung erkennbar. Er ist wichtig, um sich selbstständig und sicher zu bewegen. Mit ihm lassen sich Hindernisse ertasten und Wege entlang von Orientierungspunkten wie Hausmauern finden.
Im Strassenverkehr gilt: Wird der weisse Stock erhoben, haben die Personen auch ohne Fussgängerstreifen Vortritt.
Der Umgang mit dem weissen Stock muss gelernt werden. Im Orientierungs- und Mobilitätstraining lernen blinde und sehbehinderte Menschen, ihn sicher zu benutzen. Beim Gehen tasten sie einen Bereich ab, der ihrer Körperbreite und Schrittlänge entspricht. So können sie auf Hindernisse reagieren. Wenn es taktile Leitlinien gibt, erhöht das die Sicherheit: Im Mittelbereich der Leitlinie spürt man mit dem pendelnden Stock die erhöhten seitlichen Streifen und kann sich besser orientieren.
Alle sbv-Beratungsstellen bieten Orientierungs- und Mobilitätstrainings an.
Nein, es gibt verschiedene Arten von weissen Stöcken. Die wichtigsten beiden:
- Der weisse Langstock dient zur Fortbewegung und Orientierung.
- Der weisse Signalstock (auch Sensibilisierungs- oder Kurzstock genannt) hilft dabei, gesehen und als blind oder sehbehindert erkannt zu werden.
Daneben gibt es weitere Arten von weissen Stöcken, sogar einen weissen Wanderstock.
Wichtig: Sobald ein Stock weiss ist, signalisiert er, dass die Nutzerin oder der Nutzer sehbehindert oder blind ist.
Technische Hilfsmittel
Wie arbeiten blinde Menschen am Computer? Das Video zeigt ein konkretes Beispiel aus dem Alltag. In weiteren Antworten erklären wir, wie Smartphones genutzt werden und welche Hilfsmittel und Assistenzfunktionen den Zugang zu Informationen erleichtern.
PCs und Smartphones können dank Hilfsmitteln und Assistenzfunktionen auch von blinden und sehbehinderten Menschen genutzt werden. Durch innovative Apps und KI werden Smartphones gleichzeitig selbst zu wichtigen Hilfsmitteln im Alltag.
- Screenreader lesen Bildschirminhalte vor oder geben sie über eine Braillezeile aus. Viele Betriebssysteme enthalten bereits einfache Screenreader.
- Die Braillezeile stellt Zeichen in Brailleschrift dar. Normalerweise liest der Screenreader einen Text vom Bildschirm und schickt die gelesenen Zeichen an die Braillezeile. Diese gibt dann den Text mit kleinen beweglichen Stiften (Pins) aus. Diese Stifte heben sich und senken sich so, dass sie die Punkte der Brailleschrift bilden. So kann man den Text mit den Fingern ertasten und lesen. Es gibt auch kleine, handliche Notizgeräte mit Braille-Tastatur und integrierter Braillezeile, die zusätzlich Computer und Smartphones bedienen können.
- Stationäre oder tragbare Lesegeräte ermöglichen das Scannen und Vorlesen von Texten sowie das Speichern und Bearbeiten. Heute werden dafür oft Smartphones und KI eingesetzt.
- Sprachsteuerung: Geräte werden mit gesprochenen Befehlen bedient (z. B. Apps öffnen, schreiben, suchen).
- Navigations-Apps mit Audioführung: geben Wegbeschreibungen über Sprache und Töne in Echtzeit.
- Haptisches Feedback: das Gerät gibt durch Vibrationen Rückmeldungen (z. B. bei Tasten oder Aktionen)
- Vergrösserungssoftware vergrössert den Bildschirminhalt und erlaubt oft auch Farb- und Kontrastanpassungen. Viele Betriebssysteme haben solche Funktionen bereits integriert.
- Kontrast- und Farbmodi passen Farben und Helligkeit an, damit Inhalte besser erkennbar sind (z. B. hoher Kontrast oder Dunkelmodus).
- Bildschirm-Lesegeräte (stationär oder tragbar) zeigen Texte und Bilder zum Beispiel auf Bücher, Zeitungen, Verpackungen stark vergrössert an, entweder live oder über Fotos.
- Bildschirmlupe (Zoom) vergrössert einzelne Bereiche des Bildschirms stufenlos oder in festen Schritten.
- Text-to-Speech (Vorlesefunktion) liest ausgewählten Text oder ganze Inhalte mit einer Sprachausgabe vor.
- Kamera als Leselupe (Smartphone-Apps) zeigt gedruckten Text vergrössert an oder lässt ihn direkt vorlesen.
Braille: Punkte lesen
Wie Jassen blinde Menschen? Unser Video zeigt, wie die Braille-Schrift sogar ein gemeinsames Spiel von sehenden und sehbehinderten Menschen ermöglicht. In den weiteren Fragen und Antworten erfahren Sie, wie die Brailleschrift aufgebaut ist und wie blinde Menschen damit lesen und schreiben.
Blinde Menschen lesen die Brailleschrift mit den Fingern. Die sechs Punkte sind gerade so gross, dass sie mit der Fingerkuppe als Ganzes ertastet werden können. Die Blindenschrift wird mit beiden Händen tastend gelesen. Eine Hand liest eine Zeile zu Ende, während die andere schon die nächste Zeile beginnt.
Die Brailleschrift gilt als sehr einfach und logisch aufgebaut. Sie funktioniert mit sechs Punkten, die in zwei Spalten mit je drei Punkten angeordnet sind. Damit lassen sich 64 verschiedene Zeichen bilden.
Neben der Basisschrift gibt es die Vollschrift, bei der einige häufige Buchstabengruppen wie „sch“ oder „st“ eigene Zeichen haben, damit man sie etwas schneller lesen kann. In der Kurzschrift kommen weitere Abkürzungen für Silben und Wörter dazu.
Auf unserer Themenseite zum Jubiläum 200 Jahre Braille erfahren Sie noch mehr darüber.
Die einfachste, aber auch langsamste Methode ist die Blindenschrift-Schreibtafel. Das Papier wird zwischen zwei Platten eingespannt. Mit einem Stichel werden die Punkte einzeln in die Vertiefungen gedrückt, Buchstabe für Buchstabe.
Komfortabler ist die Blindenschriftmaschine. Sie kommt mit nur sieben Tasten aus: Eine für jeden Braillepunkt und eine Leertaste. Für jeden Buchstaben werden die passenden Tasten gleichzeitig gedrückt. Da die Schrift gestanzt wird, braucht es spezielles Papier.
Am schnellsten ist der Blindschriftendrucker. Er prägt Braillezeichen direkt auf Papier und funktioniert ähnlich wie ein Drucker für Schwarzschrift.
Blinde und sehbehinderte Personen können sich bei einer regionalen Beratungsstelle informieren oder beim Zentralsekretariat eine Liste von Punktschriftlehrerinnen und -lehrern anfordern.
Sehende Personen können die Blindenschrift auch visuell lesen, da das Training des Tastsinns entfällt. Für das Selbststudium gibt es zum Beispiel den Lehrgang: Theiss-Klee, Heidi, Punktschrift für Anfänger, Deutsche Blindenstudienanstalt e.V., 1998, Marburg/Lahn, ISBN 3-89642-003-8.
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Das ist längst nicht alles
Ganz besondere Fähigkeiten unserer Video-Protagonist:innen
Sind Sie beeindruckt, wie gut vieles auch mit Sehbehinderung möglich ist? Das ist noch nicht alles. Die Protagonist:innen unserer Videos sind alles geschätzte Mitarbeiter:innen des sbv. Hier erzählen sie von speziellen persönlichen Fähigkeiten, mit denen sie ihr Umfeld immer wieder verblüffen. Stellvertretend für viele, die trotz Sehbehinderung ihre Leidenschaft nicht aufgeben.