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Publiziert am: 12.03.2026

«Am Anfang hatte ich diese Hoffnung nicht»

Mit knapp 20 Jahren gestaltet der sehbehinderte Lucien Staub seine Zukunft und lässt sich dabei von den Fachleuten der Beratungsstelle Jura-Berne romande des sbv unterstützen.

Ein junger Mann mit weissem Stock steigt in einen Bus ein.

Bildquelle: Eve Kohler

Kaum hat Lucien die Beratungsstelle betreten, wird er von den anwesenden sbv- Fachleuten herzlich empfangen. Er ist so etwas wie ihr «Liebling», denn seine Begeisterung und seine Träume sind ansteckend.

Das ganze Leben noch vor sich

Bei der Beratung findet Lucien Unterstützung für seine Projekte: im Sozialdienst, bei Orientierung und Mobilität (O&M), beim Job-Coaching und bei den Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF). Denn mit 20 Jahren hat er sein Leben noch vor sich, und die Mitarbeitenden des sbv möchten ihm die bestmögliche gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Heute will er sich die Wege zu wichtigen Orten einprägen. Ziel ist das Amplifon-Geschäft, 150 Meter vom Bahnhof entfernt. Zuvor war Lucien auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Seine Mobilitätstrainerin Sylvie Burki erwartet ihn beim Ausstieg aus dem Zug. Sie hat schon eine alternative Route ausgekundschaftet, denn der Weg, den sich Lucien beim letzten Mal eingeprägt hat, ist durch einen Baucontainer versperrt. Für eine sehende Person ist es kein Problem, 150 Meter diagonal zurückzulegen. Aber Lucien muss die Terrassen umgehen und den Verkaufsständen, Sonnenstoren und Schildern ausweichen, um zum Kreisel zu gelangen, der um diese Zeit ziemlich laut ist. Ohne Leitlinie am Boden muss er sich auf seine Ohren verlassen, um die Strasse zu überqueren und zu den halbmondförmigen Schutzbarrieren für den Fussverkehr zu gelangen. Das Geschäft liegt noch 40 Meter weiter. Sylvie verrät: «Lucien beeindruckt mich, denn wenn er den Weg in eine Richtung gelernt hat, kann er ihn auch in die Gegenrichtung gehen.» Lucien ist wissbegierig – mit Sylvie wird er weitere Wege lernen, die ihn seinen Träumen näherbringen.

Wiedergefundene Motivation

Heute wohnt Lucien in Reconvilier. Aufgewachsen ist er im Kanton Waadt, in Ballaigues, wo er die Dorfschule besuchte, bevor er ans Centre pédagogique pour handicapés de la vue (CPHV) in Lausanne wechselte. Aktuell nimmt er nur noch Schatten oder Licht wahr. Wenn man ihn fragt, ob er blind sei, antwortet er: «Nein, ich bin sehbehindert.» Als 2014 seine ohnehin schlechte Sehkraft drastisch nachliess, wurde Luciens Leben zur Hölle, für ihn und für sein Umfeld. Doch als seine Familie 2019 das Haus seines Urgrossvaters kaufte, begann ein neues Kapitel. «Ich bin dankbar, jetzt in Reconvilier zu leben. Die Jugendlichen in Ballaigues haben mir das Leben schwer gemacht.» Mit seinem Vater entdeckt er die Leidenschaft
fürs Handwerk und hilft auf der Familienbaustelle. Lucien beherrscht die meisten Werkzeuge. Heute ist er ausgeglichen, hat wieder Freude am Leben und strahlt diese wiedergefundene Motivation aus: «Auch mit einer Sehbehinderung kann man vieles tun. Es braucht nur die richtigen Anpassungen.»

Ein junger Mann mit weissem Stock wird von seiner O&M-Beraterin begleitet.

Bildquelle: Eve Kohler

Eine ungewöhnliche Leidenschaft

Luciens Interessen: Armee, Survival-Trainings und Polizei. Seitdem ist Lucien wie verwandelt. Ein Zufall brachte ihn sogar mit der Westschweizer Skisportgruppe blinder und sehbehinderter Menschen auf die Skipiste. Obwohl sich Luciens Interesse für diesen Sport in Grenzen hält, stellte sich heraus, dass einer der Leiter in einem Camp ein pensionierter Oberstleutnant war. Er begleitet ihn nun bei seinen Projekten, insbesondere bei der Organisation eines Survival-Trainings mit seinen Freunden. Lucien erinnert sich: «Am Anfang, als ich noch nicht meine ganze Sehkraft verloren hatte, hatte ich diese Hoffnung nicht. Ich war am Boden und eher melancholisch. Die Leidenschaft für die Armee hat mir geholfen. Ich bewundere den Mut dieser Männer in Uniform, die alles für das Land tun.» Der sprichwörtliche Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sein Vater ist passionierter Hobbyhistoriker und sammelt Gegenstände aus dem Zweiten Weltkrieg, während seine Mutter ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat. Die Eltern kümmern sich um Lucien und seine vier Geschwister. Sein Vater bezieht ihn in die Hausrenovation ein, und Lucien, der gerne handwerklich arbeitet, kann mit den meisten Werkzeugen umgehen.

Zukunft nimmt Gestalt an

Lucien nutzt das Job-Coaching des sbv, um sich beim Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt begleiten zu lassen. Er nutzt alle Praktikumsmöglichkeiten, um sein Potenzial und seine Kompetenzen zu zeigen, zum Beispiel bei Caritas Jura. Er sagt: «Es tut gut, Menschen zu haben, die mich arbeiten sehen und die Situation verstehen.» Da sich gerade eine neue Chance konkretisiert, muss Lucien schon bald nicht mehr
nach St-Imier pendeln, wo er als Lagerarbeiter bei einer regionalen Stiftung arbeitet. Parallel dazu trifft er sich fest entschlossen weiterhin mit Sylvie, um sich eine neue Route einzuprägen – zum Trainingsraum seiner neuen Herausforderung: Brazilian Jiu-Jitsu!

Dieser Text ist bereits in unserem Verbandsmagazin «Augenblick» 1/2026 erschienen.

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