«Wir brauchen einfach mehr Zeit»
Jolanda Gehris grosse Leidenschaft ist das Kochen. Dank den sbv-Kochkursen konnte sie ihr Hobby perfektionieren – und hat eine zusätzliche Berufung im BBZ Bern gefunden.
Bildquelle: sbv fsa
Wenn eine blinde oder sehbehinderte Person keinen sbv-Kochkurs nötig hat, dann Jolanda Gehri – würde man meinen: Sie ist 68 Jahre alt, blind geboren und schon seit ihrer Kindheit leidenschaftliche Köchin. Heute kocht sie im BBZ Bern. Dennoch hat sie, ein treues Verbandsmitglied, schon mehrere Kochkurse des sbv besucht. Sie sagt: «Man kann immer etwas dazulernen. Und bei meinem Hobby Kochen ist mir das besonders wichtig.»
Ein weiter Weg zur Inklusion
Jolanda Gehri meistert ihren Alltag unabhängig, war bis zur Pensionierung berufstätig und lebt jetzt in einer Zweizimmerwohnung in einer bunten Genossenschaftsüberbauung. Spezielle Kochkurse waren dennoch wichtig für sie: «Ich habe auch Kurse für Sehende ausprobiert, aber da konnte ich als blinde Person nicht profitieren. Es geht alles viel zu schnell. Wir brauchen einfach mehr Zeit.» Beim sbv konnte sie ihre Fähigkeiten perfektionieren – und Erfahrungen austauschen: «Auch dieser Aspekt der Kurse ist wichtig für mich. Beim Spätzlemachen hatte ich früher zum Beispiel immer eine Schweinerei. Ein Kursteilnehmer hat mir eine tolle Spätzlemaschine empfohlen, jetzt ist das kein Problem mehr.»
Ein solcher Austausch fehlt der 68-Jährigen im Alltag oft. «In meiner Siedlung wohnen eigentlich offene Menschen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass sie nicht recht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im privaten Bereich ist es noch ein weiter Weg, bis Inklusion richtig in der Gesellschaft ankommt.»
Bildquelle: sbv fsa
Mitten im Leben – nicht nur beim Kochen
Isoliert fühlt sich Jolanda Gehri aber nicht, wie sie im Gespräch betont. Sie blickt auf ein reiches Leben mit viel Liebe und sozialen Kontakten zurück. Sie wurde blind geboren, warum, weiss sie bis heute nicht. Ihr ein Jahr jüngerer Bruder und beide Eltern haben keine Sehbehinderung. Ihre Kindheit war für sie trotzdem normal: «Ich kannte es ja nicht anders.» Zwar hat sie keine Kita, keinen Kindergarten besucht, aber zur Schule gehen konnte sie in der Blindenschule Zollikofen. «Dort besuchte ich auch das Fach Hauswirtschaft und lernte alle Grundlagen des Kochens. Damals gab es noch kaum technische Hilfsmittel. Wir haben gelernt, mit speziellen Löffeln und Bechern abzumessen und alles anzuschreiben – und sonst mussten wir uns selbst zurechtfinden.» Ihre Oma, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hat, fördert ihre Leidenschaft fürs Kochen weiter. «Ich war oft bei meinen Grosseltern auf dem Land in den Ferien. Dort hat sie mir viele Kniffe beigebracht.»
Nach der Blindenschule und einer Ausbildung zur Telefonistin fasst Jolanda rasch Fuss in der Arbeitswelt. Sie arbeitet erst für das Werbefernsehen, später dann in der Volksbank, lernt ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ebenfalls sehbehindert. Die beiden ziehen zusammen ins belebte Berner BreitenrainQuartier und bekommen einen Sohn und eine Tochter. Als die Kinder 7 und 9 Jahre alt sind, trennt sich das Paar. «Danach begann eine sehr strenge Zeit. Ich habe die Kinder allein aufgezogen und musste nach elf Jahren im Haushalt schliesslich auch wieder eine Arbeit aufnehmen.» Zufällig sucht der sbv zu dieser Zeit eine Telefonistin – sie bekommt die Stelle und bleibt ihr ganze 23 Jahre lang treu, bis zur Pensionierung.
Der Mensch im Zentrum, nicht die Sehbehinderung
Heute hat sie als Pensionierte wieder mehr Zeit für sich und die Familie. So kocht sie regelmässig für ihre erwachsenen Kinder und ihren Enkel, der auch schon fast volljährig ist. Und sie bildet sich fort. Gerade weil sie vom wenig inklusiven Umgang der Gesellschaft mit ihrer Sehbehinderung oft frustriert ist, schätzt sie das spezielle Angebot des sbv sehr. «Hier ist man unter Menschen, die einen verstehen; und für einmal steht nicht die Behinderung im Vordergrund, sondern der Mensch.» Neben dem Kochen hat ihr das Blindenwesen zwei weitere Hobbys überhaupt erst ermöglicht: das Töpfern und das Reisen. Ihre Wohnung steht beim Besuch voller selbstgetöpferter Kunstwerke und Geschirr. Und sie nimmt jedes Jahr an einer oder zwei Reisen teil, die von spezialisierten Reisebüros für blinde und sehbehinderte Menschen angeboten werden.
Am wichtigsten für sie bleibt aber das Kochen. Als das Gespräch zu Ende ist, verabschiedet sich Jolanda Gehri schon am frühen Nachmittag in die Küche. «Sonst wird die Zeit knapp bis heute Abend. Ich koche jeden Tag für mich selbst.» Oft dauere das mehrere Stunden. So auch das heutige Menü: Kartoffelstock mit Kalbsvoressen und Salat. «Schon nur bis die Kartoffeln geschält sind, dauert es länger als bei Sehenden. Und manchmal, selten, verpasse ich wohl trotzdem ein Stück Schale.» Sie hält kurz inne und lacht dann: «Aber wer bei mir isst, muss halt mit sowas leben. Sonst kann er ins Restaurant.»
Dieser Text ist bereits in unserem Verbandsmagazin «Augenblick» 02/2024 erschienen.
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